Tornados und Tornadowarnungen in Österreich

In diesem Beitrag möchte ich mich als Unwetterjäger und aktives Mitglied von Skywarn Austria einem Thema widmen, das in Österreich (vielleicht durch die zahlreichen irreführenden Beiträge in Filmen und den Medien) leider noch immer Ängste auslöst und/oder stigmatisiert wird. Tornados als Wetterphänomene sind sehr selten, aber es gibt sie auch bei uns – wie das unten angefügte Video „meines“ F2-Tornados am 10. Juli 2017 südlich von Wien beweist. Die Warnung vor Tornados ist allerdings schwierig. Warum das so ist und weitere Hintergründe erfahrt ihr hier.

WAS IST EIN TORNADO?
Der Begriff Tornado stammt aus dem Spanischen/Lateinischen tornar(e) und bedeutet etwa „wenden, (sich) drehen“, alternativ kann auch der Begriff Großtrombe verwendet werden. Die Bezeichnung Windhose (als Synonym für Groß- und Kleintromben) wird aufgrund der irreführenden Bedeutung nicht mehr verwendet. Ein Tornado liegt dann vor, wenn eine rotierende Luftsäule mit senkrechter Drehachse von einer konvektiven Wolke bis zum Erdboden reicht. Hierbei bildet sich meist eine Trichterwolke aus (engl. Funnelcloud), diese kann aber auch gar nicht oder nur teilweise auskondensiert sein – entscheidend ist, ob das rotierende Windfeld den Erdboden erreicht. Ist dies nicht der Fall, spricht man auch von einer Blindtrombe. Merke: Eine Trichterwolke/Funnelcloud kann zu einem Tornado führen, muss aber nicht. Bei vielen Trichterwolken, die weniger als 1/3 der Entfernung Wolke-Erde erreichen, bleibt der zugehörige Luftwirbel ohne Bodenkontakt.

WIE BILDET SICH EIN TORNADO?
Ein Tornado kann dann entstehen, wenn die folgenden vier Zutaten zusammentreffen:
1) Überdurchschnittliche Abnahme der Temperatur mit der Höhe (Labilität)
2) Hohe bodennahe Luftfeuchtigkeit
3) Hebung der Luftmasse (z. B. durch eine Front oder an einer Konvergenzlinie)
4) Starke bodennahe Änderung der Windrichtung/-intensität.
Ein Tornado ist dabei an das Aufwindfeld einer konvektiven Zelle und meist Gewitterwolke gebunden. Man unterscheidet Tornados, die aus Mesozyklonen (Superzellen) entstehen, auch Typ-1-Tornados genannt, sowie nicht-mesozyklonale Tornados (Typ-2), die beispielsweise auch an einer Böenfront oder unter einer Schauerzelle auftreten können. Tornados der Stärke F3 oder höher entstehen nur im Zuge von Superzellen.

WO TRETEN TORNADOS AUF?
Tornados gibt es fast überall auf der Welt, sie können – konvektive Zellen vorausgesetzt – bis hinauf an den Polarkreis entstehen. Die Hotspots liegen beispielsweise im Mittleren Westen der USA oder in manchen Gebieten Südostasien. In Europa gelten die Poebene in Italien, Teile Russlands sowie die Beneluxländer als Zentren der Tornadoaktivität.

GIBT ES TORNADOS IN ÖSTERREICH?
Ja. Es wird davon ausgegangen, dass sich in Österreich etwa fünf Tornados pro Jahr bilden. Die meisten sind allerdings schwach und/oder werden vermutlich nicht als Tornados erkannt – etwa, weil sie im Niederschlagsfeld auftreten, nicht auskondensiert sind oder von geradlinigen Sturmböen begleitet werden. Dies ist auch der Grund, weshalb entsprechende Tornadomeldungen (sowie Foto-/Filmmaterial) selten sind. Eine Übersicht bisher dokumentierte Tornados in Österreich kann auf der Seite der European Severe Weather Database (ESWD) abgerufen werden.

WO IN ÖSTERREICH TRETEN TORNADOS AUF?
Die größte Dichte an Tornados in Österreich wird im östlichen Flachland und der Südost-Steiermark erreicht. Auch in Oberösterreich nahe Bayern wurden bereits mehrere Tornados registriert, einzelne Tornadomeldungen gibt es aber aus sämtlichen Bundesländern. Bei Wiener Neustadt in Niederösterreich ereignete sich der bisher stärkste dokumentierte Tornado in Österreich: Am 10. Juli 1916 verwüstete ein F4-Tornado die Bezirksstadt und forderte mehr als 30 Menschenleben.

WANN TRETEN TORNADOS IN ÖSTERREICH AUF?
Fast alle Tornados ereignen sich zwischen Mai und September, wobei die meisten Tornados im Juli registriert werden. Aber auch im Juni und August ist eine Häufung zu beobachten. In den Herbst- und Wintermonaten sind Tornados hingegen sehr selten. Der tageszeitliche Höhepunkt des Auftretens von Tornados in Österreich liegt dabei am späten Nachmittag.

WIE STARK IST EIN TORNADO?
Die Stärke eines Tornados richtet sich nach der auftretenden Windgeschwindigkeit und wird anhand der sogenannten Fujita-Skala bemessen, die für den praktischen Gebrauch von F0 bis F5 reicht. Ein F0 bezeichnet Windgeschwindigkeiten von etwa 60 bis 120 km/h, ein F1 von 120-180 km/h, ein F2 von 180-250 km/h usw. Dabei liegen die meisten Tornados – auch in den USA – in der Stärke F0 oder F1, erreichen also „nur“ Orkanstärke. Ein F2-Tornado tritt in Österreich alle paar Jahre auf.

KANN MAN TORNADOS VORHERSAGEN?
Für einen Tornado gilt noch mehr, was für sämtliche Unwettervorwarnungen gilt: Diese können nur überregional ausgegeben werden, die Auswirkungen sind aber meist lokal. Dies bedeutet, dass wenn die Vorwarnung z. B. Überschwemmungsgefahr durch Gewitter für ein Bundesland besagt, nur einzelne Gemeinden betroffen sein können. Tornados sind noch kleinräumigere Phänomene und lassen sich daher nur schwer vorhersagen – eigentlich gar nicht, wenn man am Vortag wissen möchte, ob sich in einer bestimmten Region ein Tornado ereignen wird oder nicht.

In Österreich gibt es etwa 10-15 Tage im Jahr, an denen aufgrund der meteorologischen Bedingungen das Potenzial für das Auftreten von Tornados erhöht ist. Ein solches Potenzial wird auch in den ehrenamtlichen Forecasts von Skywarn Austria erwähnt. Dies bedeutet aber eben nicht, dass ein Tornado auftreten muss, sondern nur, dass die Bedingungen hierfür gegeben sind. Eine dezidierte Warnung vor Tornados ist nur im Nowcast, also in der Echtzeitvorhersage möglich.

WARUM WARNT MAN VOR TORNADOS?
Wie erwähnt sind die meisten Tornados – auch in den USA – nur schwach und verursachen kaum Schäden. Dass es dennoch Sinn macht, vor Tornados zu warnen, zeigt nicht zuletzt der katastrophale F4-Tornado, der am 24. Juni 2021 nur knapp nach der österreichischen Grenze mehrere tschechische Dörfer verwüstet und ein halbes Dutzend Menschenleben gefordert hat. Wäre es möglich gewesen, vor diesem Tornado zu warnen? Theoretisch ja. Tatsächlich haben etwa Estofex und auch Skywarn Austria das Potenzial für Tornados an diesem Tag erwähnt. Aber eine Vorwarnung kann nur überregional ausgegeben werden. Eine Echtzeitwarnung muss lokal erfolgen – bei einem Tornado noch mehr als bei anderen Wetterphänomenen.

DIE KRUX MIT DEN TORNADOWARNUNGEN
Während es in den USA durch das gehäufte Auftreten von Tornados schon seit Jahrzehnten ein ausgefeiltes System für die Warnung vor und die Detektion von Tornados gibt (unter anderem durch ein dichtes Netzwerk an Chasern und Spottern und das Scannen von potenziell tornadischen Zellen mittels Doppler-Wetterradar), steht Europa hier noch etwas stiefmütterlich da. Die stärksten Tornados entwickeln sich aus den oben erwähnten Superzellen, das sind rotierende und langlebige Gewitter, die man theoretisch auch in Österreich detektieren kann. Allerdings ist davon auszugehen, dass in Österreich nur 10% (oder weniger) aller Superzellen auch einen Tornado produzieren. Eine generelle Tornadowarnung bei Superzellenverdacht macht somit keinen Sinn. Hier ist es also besonders wichtig, auf die Beobachtung vor Ort zu setzen.

Für die Bestätigung des „Touchdowns“ eines Tornados, braucht es in Österreich nach wie vor eine visuelle Bestätigung, wie es die Chaser und Spotter von Skywarn Austria liefern können. Neben der Herausforderung, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, muss eine entsprechende Warnung sofort online gehen, an die Medien und meteorologischen Institutionen weitergeleitet und von diesen möglichst rasch verbreitet werden. Zusammengenommen ist es in Österreich daher im Moment sehr schwierig, in Echtzeit vor einem Tornadoereignis zu warnen.

WERDEN TORNADOS DURCH DEN KLIMAWANDEL MEHR ODER HEFTIGER?
Derzeit gibt es keine Anzeichen, dass sich die Anzahl der Tornados erhöhen oder ihre Intensität im Zuge des Klimawandels zunehmen wird. Die besten Informationen zum Auftreten von Tornados und eine mehrere Jahrzehnte lange Datenreihe liegen aus den USA vor. Hier lässt sich keine Tendenz in Richtung mehr (oder weniger) Tornados ableiten. Die Datenreihe aus Europa ist noch zu kurz bzw. waren in früheren Jahren schwache Tornados stark unterrepräsentiert, weshalb sich hier keine Aussage zur weiteren Entwicklung treffen lässt.

WAS TUN, WENN SICH EIN TORNADO NÄHERT?
Solltet ihr in die (extrem unwahrscheinliche) Situation geraten, dass ihr einen Tornado auf euch zubrausen seht, können folgende Verhaltensweisen hilfreich sein: Ihr sitzt im Auto? Dann bitte NICHT in den Tornado fahren und auch nicht aussteigen. Im Fahrzeug ist es allemal sicherer, als im Freien. Ihr seid daheim? In diesem Fall am besten in den Keller gehen oder zumindest von den Fenstern (Bruchgefahr!) fernhalten. Ihr seid draußen unterwegs und das nächste Gebäude ist weit entfernt? Legt euch auf den Boden (geringerer Luftwiderstand) oder duckt euch in eine Mulde und schützt den Kopf mit den Händen. Aber unter uns: Die Gefahr, in Österreich durch einen Tornado zu sterben oder auch nur verletzt zu werden, ist weit geringer, als einen Sechser im Lotto zu gewinnen ;)

FAZIT: Bei Erwähnung des Wortes „Tornado“ in der Vorhersage von Skywarn Austria oder bei Estofex darf man ruhig gelassen bleiben, doch bei einer allfälligen Akutwarnung kann ein gelegentlicher Blick in den Himmel nicht schaden.

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