Feige Sau!

Eine meiner Laufrouten in der Lobau umfasst ein Stück wildromantischen Waldweg, den ich, weil er so toll wildromantisch ist, gleich drei oder viermal zurücklege. Auch letztens war ich hier unterwegs. Es war noch sehr früh am Morgen, kein (menschliches) Schwein unterwegs, die Luft feucht und träge durch den nächtlichen Regen. Als ich etwa die Hälfte des Weges hinter mich gebracht habe, fällt mir ein eigenartiger Geruch auf, den ich aber nicht genauer einordnen kann. Nach wenigen Metern ist er verschwunden. Ich laufe den Weg ein zweites Mal – und wieder an derselben Stelle dieser eigentümliche Geruch; diesmal blähe ich meine Nasenflügel: Es riecht wie bei einer Wildschweinsuhle.
 
Ich denke mir nichts dabei, drehe am Ende des Weges um und laufe die Strecke ein drittes Mal. In gemütlichem Tempo nähere ich mich besagter Stelle, jogge um ein Gebüsch – auf einmal sehe ich, direkt vor mir, drei oder vier kleine, braun-schwarz gestreifte Frischlinge, die in bester Laune den Waldweg entlangschlendern. In den Sträuchern daneben raschelt es. Zu viel und zu laut, um als weitere Ferkel durchzugehen.
Eines der kleinen Schweinchen wirft mir einen überhaupt nicht scheuen Blick zu. Mehr noch: Es grinst mich an! Und ich, als autodidaktischer Schweineflüsterer, verstehe natürlich sofort, was gemeint ist: „Komm nur her, Menschling – meine Mama zeigt dir schon, wo’s langgeht!“
 
Zwei Möglichkeiten durchzucken meine Gedanken. Alternative Nummer eins: Am Absatz kehrtmachen und mein Heil in der Flucht suchen. Alternative Nummer zwei: Mit vollem Tempo zwischen den quiekenden Frischlingen hindurch preschen und hoffen, dass ich schneller als Big Mama bin.
 
Ich atme tief ein, balle meine Hände zu Fäusten, setze einen grimmigen Gesichtsausdruck auf – und halte abrupt an, als mir der große Schatten im Gebüsch auffällt. Jetzt gibt es kein Zaudern mehr! Ich wende mich um und renne los. Nasse Zweige klatschen mir ins Gesicht, als ich, die feige Sau, auf der Flucht vor Mama-Sau den Weg zurücksprinte, den ich gekommen bin.
 
Glücklicherweise ist sie mir nicht gefolgt. Sonst wäre ich wirklich nervös geworden. Und hätte um Hilfe geschrien. Wie ein Schwein am Spieß!
 

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